Hirschberg im Dillkreis

Website © S. Falkenstein   

Home NS "Euthanasie" Annas Geschichte Genealogie Hirschberg

Sie sind hier: Fritz und Martha

Hirschberg

Dorfchronik

Alte Fotos

Fotos 2004

Kalender 2006

Familie SchmidtFritz und MarthaVorfahren

Nachkommen

Urmütter

 

 

 

Fritz und Martha

eine Liebe mit Hindernissen und Umweg über Afrika

Friedrich Heinrich Wilhelm Schmidt (1880-1974)

ca. 1900, Friedrich (2. Reihe Mitte)
mit Eltern und Geschwistern

 

Friedrich Schmidt

Friedrich als junger Soldat

 

Hirschberger Kapelle
(erstmals erwähnt 1351)

 

Das Haus, in dem Fritz und Martha lebten

Das Haus, in dem Fritz und Martha mit ihrer großen Familie lebten

 

Freiwillige Feuerwehr 1925

Freiwillige Feuerwehr, 1925

 

Martha Schmidt, geb. Lehwalder

Martha, geb. Lehwalder 
20.1.1884-28.7.1956

 

Friedrich Schmidt
5.7.1880 - 5.4.1974

Was trieb meinen Großvater Friedrich, einen einfachen Bauernjungen aus dem abgelegenen Westerwälder Dörfchen Hirschberg, Anfang des letzten Jahrhunderts nach Afrika? War es die Abenteuerlust eines jungen Burschen, dessen Dorf man nur zu Fuß, mit dem Fuhrwerk oder der Kutsche erreichen konnte und das in schneereichen Wintern manchmal tagelang völlig von der Außenwelt abgeschnitten war? Als Friedrich 1904 Richtung Afrika aufbrach, war er 24. Noch hatte das kleine Dorf mit knapp 200 Einwohnern keine öffentliche Straßenbeleuchtung. Erst ein Jahr später wurden zwei Petroleumlampen am Spritzenhaus und an der alten Schule angebracht, die der Gemeindediener in seiner Funktion als Nachtwächter jeden Abend anzündete. Bis der erste elektrische Strom floss, sollte es weitere 17 Jahre dauern.

Vielleicht wollte Friedrich der dunklen Enge seines Heimatdorfes entfliehen und die verheißungsvolle, große, weite Welt jenseits der Hügel des Westerwalds kennenlernen? Mag sein, dass dies alles eine Rolle spielte, aber - so hat man es mir erzählt - entscheidend war Friedrichs Liebe zu Martha, eine Liebe, die man ihm anfangs verwehren wollte. Schon lange war er in Martha, ein Mädchen aus dem Dorf, verliebt. Doch seine Eltern hießen eine Heirat nicht gut, denn die Auserwählte stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Familie dagegen betrieb eine Landwirtschaft und galt als verhältnismäßig wohlhabend. Dies wurde unter anderem dadurch zur Schau gestellt, dass man sonntags in der eigenen Kutsche zum Gottesdienst nach Haiern ins Heimatdorf der Mutter fuhr - natürlich herausgeputzt in Westerwälder Tracht. Im Streit mit den Eltern wegen seiner unstandesgemäßen Liebe meldete sich der junge Heißsporn Friedrich voller Trotz als Freiwilliger zum Militär und zog "für Kaiser und Vaterland" als Reiter nach Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. So war er an der unrühmlichen Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama beteiligt, die sich von 1904 bis 1908 gegen die deutsche Kolonialherrschaft erhoben hatten.

Erst nach seiner Heimkehr aus Afrika 1908 "durfte" er seine Martha heiraten. Die gemeinsame Tochter war da bereits drei Jahre alt, 9 weitere Kinder folgten. Friedrich und Martha kannten sich ihr ganzes Leben. Die Ehe der beiden sollte bis zu Marthas Tod 1956 noch 48 Jahre dauern.

Vorfahren       Kinder

Zusammen mit Martha brachte er die große Familie mehr schlecht als recht über die Runden. Da der größere Teil der elterlichen Landwirtschaft von einem Bruder Friedrichs übernommen worden war, blieb ihm - wie so vielen nachgeborenen Söhnen - nichts anderes übrig, als außerhalb des Dorfes den Unterhalt für die eigene Familie zu verdienen. Nach dem Besuch der Hirschberg Dorfschule hatte Friedrich in den "Burger Eisenwerken" in Herborn das Schlosserhandwerk erlernt. Er arbeitete später unter anderem auf der "Sinner Hütt" und in einer Erzgrube in der Nähe von Heiligenborn. Der folgende Text beschreibt anschaulich die damaligen Lebensverhältnisse vieler Menschen im Lahn-Dillgebiet: 

"... Nur mit zusätzlicher Arbeit im Hütten- oder Bergwerk war ein bedürfnisloses und bescheidenes Leben möglich. Die nicht leichte Arbeit in der Landwirtschaft musste nach Feierabend nebenbei erledigt werden. Gleich nachdem der Kleinlandwirt von der Arbeit nach Hause kam, warteten noch die schwereren Arbeiten im Feld und Hof auf ihn, die seine Frau und die Kinder tagsüber nicht ausführen konnten. Dass sich jemand nach getaner Arbeit im Hüttenwerk oder Bergwerk einfach nur ausruhte, das gab es nicht. Der Jahresurlaub wurde genommen, wenn die Heu- und Getreideernte anstanden oder wenn im Herbst die Kartoffeln (Kartoffelernte) und der Dickwurz ausgemacht werden mussten. Es war selbstverständlich, dass die Kinder, spätestens ab dem 10.Lebensjahr, bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten helfen mussten. Die Schulferien hießen auch so, „Ernteferien“ (Sommerferien) und „Kartoffelferien“ (Herbstferien). Die Kinder wurden bei der Ernte dringend gebraucht, das war ursprünglich auch der Grund für die Einführung dieser Schulferien. Urlaub war für diese Familien unbekannt.

Bis in die 50er/60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein waren die Dörfer dieser Region von der „Feierabend-Landwirtschaft / Nebenerwerbs-Landwirtschaft“ geprägt." http://de.wikipedia.org/wiki/Lahn-Dill-Gebiet

Doch trotz aller Entbehrungen künden die Kindheitserinnerungen meiner Mutter von einer überwiegend heilen Welt, die geprägt war von Frömmigkeit, Geborgenheit in der Familien- und Dorfgemeinschaft, viel Gesang und Liebe zur Natur.

Friedrich war die Frömmigkeit seiner Vorfahren irgendwann - vielleicht in Afrika - abhanden gekommen. Das hinderte ihn nicht daran, als Küster die Glocken der Dorfkapelle zu läuten. Während des Gottesdienstes verschwand er gerne, was ihm stets einen Tadel seiner gottesfürchtigen Frau einbrachte, die ein schlimmes Ende für ihren "gottlosen" Mann prophezeite. "Eiduläiwörallmächtichergott!"

Das Glockenläuten war eine seiner Aufgaben als zeitweiliger Gemeindediener. So ging er auch - wie damals üblich - mit einer Schelle durchs Dorf, um die neusten Nachrichten auszurufen. Außerdem heizte er das dörfliche Backhaus ein. Nie in meinem Leben habe ich besseres Brot, Riwwel- oder Quetschekuchen gegessen!

Friedrich war in jeder Beziehung geschickt, flickte Kessel und Töpfe, machte Schmiedearbeiten - nicht nur für die Familie. Für uns Kinder tischlerte er Puppenwiegen und Holzstelzen.

Kürzlich fand ich das Gesicht meines Großvaters auf dem Gründungsbild der freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1925 - ein wahrer "Hans Dampf in allen Gassen".

Ja, er war ein Tausendsassa, aber auch ein Hallodri. Seine Frau Martha hatte es nicht immer leicht mit ihm. So ging er eines Tages mit dem sauer ersparten Geld nach Herwen (Herborn) auf den Markt, um eine Ziege zu kaufen. Zurück kam er - zur Freude der Kinder - mit einem Hund. Wie so viele Frauen im Dorf trug Martha Goll die Hauptlast für das Gelingen des täglichen Lebens. Zwischen 1905 und 1922 gebar sie 10 Kinder, das jüngste war meine Mutter. Tiefe Frömmigkeit half Martha über viele Schicksalsschläge hinweg, nicht zuletzt über den Tod von fünfen ihrer Kinder. Drei starben im Kindesalter, ihre zwei Söhne fielen im Zweiten Weltkrieg - ein immerwährender Schmerz für sie. Ich kannte meine Oma nur im dunklen Kleid mit Schürze, die Haare streng gescheitelt, mit Dutt im Nacken, oft mit Kopftuch. Sie war bescheiden und völlig uneitel - typisch, dass es kaum Fotos von ihr gibt. Martha war die Seele der Familie!

Friedrich Schmidt hatte viele Namen. Er wurde wurde Fritz Patt, aber auch Petris Fritz genannt. Es war in der Gegend durchaus üblich, Familien nach dem Vornamen eines Vorfahren zu benennen, in diesem Fall vielleicht nach dem Vorfahren Peter Schmidt, vielleicht gehörte aber auch der 1720 im Zusammenhang mit Abrechnungen für den Hof Hirschberg erwähnte Verwalter namens Petri zu seinen Vorfahren. Jedenfalls trank Petris Fritz später gerne einen über den Durst und wurde darum manchmal auch "de bloo Fritz" genannt. Vor allem aber hielt sich sein Spitzname "de Afrikaner". Bis ins hohe Alter erzählte er Schauergeschichten über seine Zeit in Afrika - zum Beispiel über Riesenschlangen, die angeblich in sein Zelt gekrochen waren. Vor einigen Jahren berichtete mir ein Hirschberger, dass de Afrikaner zur Gaudi der Dorfjugend ab und zu den Schrei der Hyänen in Afrika nachmachte, so dass es durchs halbe Dorf schallte.

Überhaupt war Petris Fritz ein Geschichtenerzähler vor dem Herrn. Eine der Geschichten ging so: Eines Abends wurde er auf dem Nachhauseweg von Beilstein nach Hirschberg im Wald von einer Rotte Wildschweine verfolgt. Um sein Leben zu retten, blieb ihm nur die Flucht auf einen Baum. Dort saß er ganz oben - die Wildschweine unten - bis zum nächsten Morgen. Dann endlich kamen die ersten Waldarbeiter und die Wildschweine verzogen sich.

Ob all seine Geschichten stimmten - wer weiß? Bleibt hinzuzufügen, dass er sie auf Hörschbeijer Platt erzählte, mit verschmitztem Gesicht, den unvermeidlichen Hut auf dem Kopf und immer ein Pfeifchen schmauchend. Ich glaube nicht, dass er überhaupt "fiernehm schwetzen" konnte.

Als er 1974 im Alter von fast 94 Jahren starb, hinterließ er fünfzehn Enkel und Enkelinnen. Inzwischen hat er mehr als dreißig Urenkel und Urenkelinnen und natürlich Ururenkelkinder. Die meisten Nachkommen sind inzwischen in die weite Welt gezogen und leben überall verstreut. Ihr Vorfahr hat den Dillkreis nach seinem Abenteuer in Afrika allerdings nur noch einmal gezwungenermaßen verlassen. Im ersten Weltkrieg wurde er zusammen mit 21 jungen Männern aus dem kleinen Dorf zum Kriegsdienst eingezogen. Acht Hirschberger starben im Krieg oder an den Folgen. Ein hoher Tribut und Grund genug für Friedrich, sein Dorf nie mehr zu verlassen. Seine Lust, jenseits der Höhen des Westerwalds nach Abenteuern zu suchen, war gründlich gestillt.

Zum 90sten Geburtstag im Juli 1970 wurde er als ältester Bürger Hirschbergs mit einem Artikel im Herborner Tageblatt* gewürdigt. Natürlich brachte auch der Männergesangverein "Germania Hirschberg" dem Jubilar ein Ständchen. Friedrich war dem 1907 gegründeten Gesangverein lange Jahre als Sänger und bis ins hohe Alter als Ehrenmitglied verbunden. Zum Repertoire des Vereins gehörte auch das Lied über die schöne Heimat. Ich bin sicher, dass mein Großvater es voller Inbrunst mitgesungen hat. 

Hirschberg im Dillreis

Blick auf Hirschberg

In der Heimat ist es schön,
Auf der Berge lichten Höh'n,
Auf den schroffen Felsenpfaden,
Auf der Fluren grünen Saaten,
Wo die Herden weidend geh'n.
In der Heimat ist es schön!

In der Heimat ist es schön,
Wo die Lüfte sanfter weh'n,
Wo des Baches Silberwelle
Murmelnd eilt von Stell' zu Stelle,
Wo der Eltern Häuser steh'n.
In der Heimat ist es schön!

In der Heimat ist es schön,
Wo ich sie zuerst geseh'n,
Wo mein Herz sie hat gefunden,
Ewig sich mit ihr verbunden;
Dort werd' ich sie wiederseh'n.

In der Heimat ist es schön!

Text: Karl Krebs, ca. 1830, Musik: Johannes Andreas Zöllner, ca. 1840

*Dank an das Redaktionsarchiv des Herborner Tagesblatts für den Artikel vom 25. Juli 1970


Home | NS "Euthanasie" | Annas Geschichte | Genealogie | Hirschberg                                                       Seitenanfang