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Obwohl ich im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen bin
und seit vielen Jahrzehnten in Berlin lebe, verbinden mich bis heute
mit Hirschberg, dem Heimatdorf meiner Mutter, unzählige Erinnerungen
an scheinbar endlose, unbeschwerte Kindertage. Im
Nachkriegsdeutschland war Hirschberg für das kleine Mädchen aus der
Großstadt ein Sehnsuchtsort. Natürlich erscheint im
kindlichen Rückblick so manches verklärt. Hirschberg war nie eine
heile Welt, auch wenn es mir als Kind so schien. Schon damals gab es
in dem Mikrokosmos Dorf alles, was Stoff für Komödien und Tragödien
hergab. Das Dorf meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Den Ort
Hirschberg der Gegenwart kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wunderbare Landschaft und
Natur, aber vor allem an Menschen und Geschichten, die mich
nachhaltig geprägt haben.
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In der Heimat ist es schön ...
Der vom Zeitkolorit gefärbte Text des ehemaligen
Hirschberger Dorfschullehrers Rudolf Kalkofen spiegelt etwas
von meinen zugegeben sehr sentimentalen, romantischen Gefühlen in
Bezug auf Hirschberg wider. 1957 schrieb er in der Festschrift zum
50jährigen Jubiläum des Männer-Gesangvereins "Germania" Hirschberg:
"Friedlich am
Wege ein Dörfchen grüßt. Hirschberg, das zwar zu den kleinsten
und stillen Dörfern gehört, aber mit Recht zu den romantischsten
zu rechnen ist. Schon sein Name erklärt uns seine Lage. Es liegt
am Hange der hohen Hirschberger Koppe, deren mächtige
Buchenwälder sich weit ins Rehbachtal hinab ausstrecken.
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In der Heimat ist es schön,
auf der Berge lichten Höh'n,
auf den schroffen Felsenpfaden,
auf der Fluren grünen Saaten,
wo die Herden weidend geh'n,
in der Heimat ist es schön.
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Wem gingen die Worte des Dichters nicht durch
den Sinn, wenn er sich einmal die Mühe machte und mit mir die
Viehtrift, „unsere Alm", ersteigen würde. Ein paar
Schweißtropfen würde es uns schon kosten. Von des Berges Höh'
halten wir Ausschau in die reizvolle Landschaft, mit ihren
saftig grünen Wiesen, hell sich färbenden Getreidefeldern und
schattigen Gründen, dunkel umrahmt von bewaldeten Höhen. Auf den
Weiden erblicken wir stolze Baumgruppen, schlanke
Wachholderbüsche und zahlreiche zerstreut liegende Basaltblöcke,
belebt von den Viehherden.
Vor uns liegt das wunderbare Bild der vielen
Kuppen unseres Heimatgebirges, und deutlich erkennen wir den
Höhenrücken der „Kalteiche", die wie eine Brücke den Westerwald
mit dem Rothaargebirge verbindet. Davor liegt das große,
bucklige Waldland der Hauberge und das Erzland des
Schelderwaldes. Zur Linken breitet sich die weite Hochebene des
„Hohen Westerwaldes" aus. Die Dächer, der versteckt liegenden
Dörfer, leuchten in der Sonne auf. Fast genau im Osten steht
fern der dicke Kopf des Dünsbergs bei Gießen. Drehen wir uns ein
wenig weiter, haben wir den Stoppelberg bei Wetzlar im
Blickfeld. Im Süden steigt blaß der Taunus mit dem Feldberg, der
sich besonders aus der Bergkette hervorhebt, auf.
Tiefeingeschnitten liegt das Tal der Dill vor uns. Der
Merkenbacher Wasserturm zeigt wie ein schmaler Finger gegen den
Himmel.
Laßt uns doch, ehe wir wieder hinabsteigen, den
Blick aus der Ferne zurückholen in die Nähe. Da liegen sie unter
uns, die um das alte Kirchlein gescharten Häuser: wie eine
Glucke mit ihren Küchlein, von Hirschberg. Das Rollen und
Stampfen der Eisenbahnzüge im Dilltal und das Knattern der
Fahrzeugmotore auf der Westerwaldstraße klingt nur schwach an
unser Ohr. Gerade die Abgeschiedenheit, seine dem Hasten unserer
Zeit wohltuend abgewandte Verschwiegenheit, macht unser nur 250
Bewohner zählendes Dörfchen zu einem anheimelnden Fleckchen
unseres geliebten heimatlichen Landes.
Im Dorf plätschert unter den Linden der Kapelle
der Dorfbrunnen wie einst. Es gewährt ein friedliches Bild, wenn
gegen Abend das Horn des Hirten ertönt und die Kuhherde von der
Weide dem Dorfe zustrebt. Am Brunnen labt sich das Vieh in
langen Zügen und verschwindet gemächlich in den offenstehenden
Ställen. Läutet dazu die Abendglocke noch den Sonntag ein, so
kann nur ein ganz nüchterner Mensch nicht an unsere alten,
schönen Volkslieder denken. So ist auch ein heimatliebendes und
sangesfreudiges Völkchen in Hirschberg verblieben." (R. Kalkofen, 1957 zum 50jährigen Jubiläum des
Männer-Gesangvereins "Germania") |